Eigentlich wolltest du ruhig bleiben.
Dein Kind soll sich anziehen. Du hast es einmal gesagt. Dann noch einmal. Inzwischen zum vierten Mal.
Nebenbei suchst du den Schlüssel, räumst noch schnell die Brotdose ein und schaust auf die Uhr. Ihr müsst los.
Und dein Kind?
Sitzt immer noch da.
Vielleicht kommt dann noch ein genervtes „Nein!“. Oder es wird weitergespielt, als hättest du überhaupt nichts gesagt.
Und plötzlich hörst du dich selbst:
„Jetzt zieh endlich deine Schuhe an! Wie oft soll ich das denn noch sagen?“
Viel lauter und schärfer, als du eigentlich sein wolltest.
Später tut es dir leid.
Vielleicht fragst du dich sogar: Warum passiert mir das immer wieder? Ich weiß doch eigentlich, wie ich mit meinem Kind umgehen möchte.
Genau diese Frage begegnet mir immer wieder.
Und ich finde einen Punkt dabei besonders wichtig:
Der Ausraster beginnt nicht bei den Schuhen
Bleiben wir bei diesem Morgen.
Vielleicht hast du schlecht geschlafen. Beim Frühstück gab es schon Streit. Dein Kopf ist längst bei dem Termin, zu dem du gleich musst. Du hast selbst noch nichts gegessen und während du versuchst, alle aus dem Haus zu bekommen, kommen schon die ersten Nachrichten auf deinem Handy an.
Deine Anspannung ist also möglicherweise längst gestiegen, bevor dein Kind zum vierten Mal seine Schuhe nicht anzieht.
Und dann kommt noch dieser eine Moment dazu.
Das ist wichtig zu verstehen, weil wir hinterher häufig nur auf das Ende schauen:
Ich habe mein Kind angeschrien.
Was vorher passiert ist, nehmen wir viel weniger wahr.
Dabei liegt genau dort häufig ein Teil der Antwort.
Stress verändert, wie wir eine Situation erleben
Vielleicht kennst du noch etwas anderes.
An manchen Tagen macht dein Kind genau denselben Unsinn – und du kannst darüber lachen.
An einem anderen Tag reicht eine Kleinigkeit und du könntest aus der Haut fahren.
Das zeigt ziemlich gut: Es liegt nicht nur daran, was dein Kind gerade macht.
Es spielt auch eine Rolle, mit welchem inneren Zustand du in die Situation hineingehst.
Wenn dein Akku schon ziemlich leer ist, wird dein Spielraum kleiner.
Und häufig verändert sich dann auch das, was in deinem Kopf passiert.
Aus einem Kind, das gerade nicht reagiert, wird innerlich vielleicht:
„Es hört einfach nie auf mich.“
Aus einem Nein wird:
„Immer diese Diskussionen.“
Und nach der fünften Aufforderung denkst du vielleicht:
„Warum muss ich eigentlich alles hundertmal sagen?“
Solche Gedanken sind menschlich. Das Problem ist nicht, dass sie überhaupt auftauchen.
Aber unter hoher Anspannung können sie dazu beitragen, dass die Situation für uns immer enger wird.
Irgendwann sehen wir fast nur noch:
Das muss jetzt aufhören.
Und genau dann wird es sehr viel schwieriger, noch bewusst zu entscheiden, wie wir reagieren wollen.
„Ich weiß es doch besser“ hilft dir in diesem Moment nur begrenzt
Viele Mütter wissen unglaublich viel.
Sie haben Bücher gelesen, Podcasts gehört und Beiträge gespeichert.
Sie wissen, dass sie Gefühle begleiten wollen. Dass Kinder nicht immer absichtlich provozieren. Dass Schreien nicht die Reaktion ist, die sie sich wünschen.
Und trotzdem werden sie laut.
Das ist kein Widerspruch.
Denn etwas zu wissen und unter Stress tatsächlich darauf zugreifen zu können, sind zwei verschiedene Dinge.
Wenn du bereits kurz vor dem Explodieren bist, hilft dir der Gedanke
„Ich sollte jetzt ruhig bleiben“
häufig erstaunlich wenig.
Manchmal erzeugt er sogar zusätzlichen Druck.
Viel interessanter ist deshalb die Frage:
Was passiert eigentlich mit mir, bevor ich an diesem Punkt angekommen bin?
Woran merkst du, dass es bei dir langsam kippt?
Vielleicht wird dein Kiefer fest.
Vielleicht ziehst du die Schultern hoch.
Du wirst hektischer.
Deine Stimme verändert sich.
Du redest schneller.
Du merkst Druck im Bauch oder in der Brust.
Oder deine Gedanken werden immer härter:
„Jetzt reicht's.“
„Nicht auch das noch.“
„Ich kann einfach nicht mehr.“
Bei einer anderen Mutter sieht das ganz anders aus.
Und genau deshalb finde ich es so wichtig, die eigenen Anzeichen kennenzulernen.
Nicht erst das Rot.
Sondern das, was vorher kommt.
Denn wenn du deine Anspannung erst bemerkst, wenn du bereits schreist, ist dein Handlungsspielraum sehr klein.
Wenn du sie etwas früher bemerkst, gibt es vielleicht noch eine Möglichkeit.
Nicht unbedingt, plötzlich vollkommen entspannt zu sein.
Aber vielleicht kurz stehenzubleiben.
Einmal auszuatmen.
Einen Satz nicht auszusprechen.
Deutlicher eine Grenze zu setzen.
Die Situation kurz zu unterbrechen.
Oder einfach zu erkennen:
Ich bin gerade viel angespannter, als ich dachte.
Das klingt klein.
Ist es aber nicht.
Wütend sein und laut werden sind nicht dasselbe
Mir ist noch etwas wichtig:
Das Ziel kann nicht sein, dass du nie wieder wütend auf dein Kind bist.
Kinder können uns unglaublich wütend machen.
Sie können Grenzen testen. Sie können sich weigern. Sie können laut sein, wenn wir Ruhe brauchen. Sie können genau dann trödeln, wenn wir keine einzige Minute mehr übrig haben.
Du darfst davon genervt sein.
Du darfst wütend sein.
Und du darfst sehr klar Nein sagen.
Die entscheidende Frage ist nicht:
Wie bekomme ich meine Wut weg?
Sondern:
Was mache ich, wenn sie da ist?
Ein Gefühl und eine Handlung sind nicht dasselbe.
Zwischen
„Ich bin gerade richtig wütend“
und
„Ich schreie mein Kind an“
liegt ein kleiner, aber wichtiger Unterschied.
Und genau dieser Zwischenraum interessiert mich bei emotionaler Selbstregulation.
Denn dort kann wieder Wahl entstehen.
Und wenn du trotzdem laut geworden bist?
Dann bist du laut geworden.
Es bringt wenig, so zu tun, als wäre das nicht passiert. Aber genauso wenig hilft es, den Rest des Tages innerlich auf dich einzuschlagen.
Viele Mütter kennen diese Gedanken:
„Super. Schon wieder.“
„Warum bekomme ich das nicht hin?“
„Andere schaffen das doch auch.“
„Was bin ich eigentlich für eine Mutter?“
Ich würde an dieser Stelle lieber genauer hinschauen.
Was war an diesem Tag schon los?
Wie voll war dein Akku?
Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass deine Anspannung steigt?
Was hast du gedacht?
Gab es einen Moment, an dem du eigentlich schon gespürt hast: Es wird mir gerade zu viel?
Das entschuldigt nicht alles, was danach passiert.
Aber es hilft dir wesentlich mehr als die Frage, ob du eine schlechte Mutter bist.
Denn aus einem schwierigen Moment kann dann Information werden.
Information darüber, wie dein persönlicher Weg in die Überforderung aussieht.
Es geht nicht um die immer ruhige Mama
Das ist auch nicht das Ziel von Mamakraftfamily.
Ich glaube nicht an ein Familienleben, in dem eine Mutter immer geduldig reagiert, jedes Gefühl ihres Kindes ruhig begleitet und jede Grenze mit sanfter Stimme setzt.
Familienleben ist manchmal laut.
Anstrengend.
Chaotisch.
Und wir sind Menschen darin.
Deshalb geht es für mich um etwas anderes:
Dass du dich selbst früher mitbekommst.
Dass du irgendwann nicht erst hinterher feststellst:
„Mist. Jetzt ist es schon wieder passiert.“
Sondern vielleicht ein kleines Stück früher bemerkst:
„Da passiert gerade etwas mit mir.“
Und dass genau dort nach und nach mehr Handlungsspielraum entsteht.
Nicht immer.
Nicht perfekt.
Aber häufiger.
Vielleicht ist deshalb die spannendere Frage beim nächsten schwierigen Moment gar nicht:
„Warum bin ich schon wieder laut geworden?“
Sondern:
„Wann hat es eigentlich angefangen, in mir zu kippen?“
Denn die Antwort darauf liegt oft einige Minuten früher, als wir denken.
Über Mamakraftfamily
Mamakraftfamily unterstützt Mütter dabei, ihre eigenen Stressreaktionen besser zu verstehen, früher wahrzunehmen und im Familienalltag bewusster zu handeln – statt immer wieder in automatische Reaktionen zu rutschen.
Martina · Psychologische Beraterin & Expertin für emotionale Selbstregulation im Familienalltag
Die Inhalte von Mamakraftfamily dienen der psychoedukativen Information, Prävention und Selbstreflexion. Sie ersetzen keine individuelle medizinische, psychotherapeutische oder psychiatrische Diagnostik oder Behandlung.

