Du sagst Nein.
Und dein Kind wird wütend.
Vielleicht schreit es.
Vielleicht weint es.
Vielleicht sagt es:
„Du bist die blödeste Mama der Welt!“
Und obwohl du eine Minute vorher noch ziemlich sicher warst, dass dein Nein richtig ist, beginnt es plötzlich in dir zu arbeiten.
War ich zu streng?
Soll ich doch nachgeben?
Wie bekomme ich mein Kind jetzt wieder ruhig?
Oder du merkst das Gegenteil:
Seine Wut macht dich selbst wütend.
Du möchtest nur noch, dass es endlich aufhört.
Starke Gefühle unserer Kinder können erstaunlich schnell starke Gefühle in uns auslösen.
Und dann wird es schwer, auseinanderzuhalten, was gerade eigentlich wem gehört.
Dein Kind darf eine Grenze richtig blöd finden
Das klingt simpel.
Im echten Familienalltag ist es das häufig nicht.
Denn natürlich möchten wir, dass es unserem Kind gut geht.
Wenn es traurig ist, wollen wir trösten.
Wenn es wütend ist, wollen wir helfen.
Das ist erst einmal etwas sehr Menschliches.
Schwierig wird es, wenn daraus unbewusst die Aufgabe entsteht:
„Mein Kind darf wegen meiner Entscheidung kein unangenehmes Gefühl haben.“
Dann kann die Wut des Kindes plötzlich wie ein Beweis wirken, dass mit unserer Grenze etwas nicht stimmt.
Aber das ist sie nicht automatisch.
Du kannst eine sinnvolle Grenze setzen und dein Kind kann darüber trotzdem richtig wütend sein.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Begleiten bedeutet nicht: Gefühl wegmachen
Wenn dein Kind weint, weil es noch auf dem Spielplatz bleiben möchte, musst du nicht den Satz finden, mit dem es sofort zufrieden nach Hause geht.
Vielleicht gibt es diesen Satz gar nicht.
Du kannst sagen:
„Du wolltest wirklich noch bleiben.“
Und trotzdem geht ihr.
Du kannst verstehen:
„Du bist richtig wütend.“
Und trotzdem bleibt das Nein.
Du kannst bei deinem Kind sein, ohne sein Gefühl für es lösen zu können.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Denn manchmal reden, erklären und verhandeln wir immer weiter, weil wir selbst die Situation kaum noch aushalten.
Manchmal sind weniger Worte hilfreicher
Wenn ein Kind bereits sehr aufgebracht ist, kommt schnell der Impuls, besonders viel zu erklären.
„Wir müssen jetzt wirklich los, weil wir noch einkaufen müssen und morgen können wir ja wiederkommen und außerdem habe ich dir doch vorhin schon gesagt …“
Das ist gut gemeint.
Aber ein sehr aufgebrachtes Kind kann möglicherweise gerade gar nicht besonders viel davon aufnehmen.
Dann können wenige Worte hilfreicher sein:
„Du wolltest noch bleiben.“
„Das ist gerade richtig schwer.“
„Wir gehen trotzdem.“
Oder auch einfach:
„Ich bin da.“
Nicht jede Situation braucht sofort eine ausführliche pädagogische Aufarbeitung.
Manches kann später besprochen werden, wenn alle Beteiligten wieder ansprechbarer sind.
Gefühle begleiten heißt nicht, alles zu erlauben
Das ist eine wichtige Grenze.
Dein Kind darf wütend sein.
Es darf aber nicht alles tun, nur weil es wütend ist.
Wenn es dich schlägt, darfst du stoppen:
„Ich lasse nicht zu, dass du mich schlägst.“
Wenn es etwas kaputt machen möchte, darfst du eingreifen.
Wenn Sicherheit eine Rolle spielt, kommt Sicherheit zuerst.
Gefühle dürfen da sein. Verhalten braucht trotzdem Grenzen.
Das widerspricht sich nicht.
Was passiert währenddessen mit dir?
Das ist für Mamakraftfamily die besonders interessante Frage.
Denn während dein Kind wütend ist, passiert wahrscheinlich auch etwas in dir.
Vielleicht wirst du hektisch.
Vielleicht fühlst du dich schuldig.
Vielleicht denkst du:
„Alle schauen schon.“
Vielleicht möchtest du die Situation möglichst schnell beenden.
Oder du fühlst dich von der Wut deines Kindes angegriffen und wirst selbst hart.
Deshalb kann es helfen, einen kleinen Teil deiner Aufmerksamkeit bei dir zu behalten.
Nicht, um vollkommen ruhig zu werden.
Sondern um überhaupt mitzubekommen:
Denn je stärker du selbst in die Situation hineingezogen wirst, desto schwieriger wird es, noch bewusst zu handeln.
Du bist nicht dafür verantwortlich, jedes schwierige Gefühl zu verhindern
Das entlastet vielleicht.
Dein Kind wird in seinem Leben enttäuscht sein.
Es wird wütend sein.
Es wird Frust erleben.
Es wird Grenzen erleben, die es nicht mag.
Deine Aufgabe kann nicht darin bestehen, all diese Gefühle zu verhindern.
Du kannst deinem Kind Orientierung geben.
Du kannst erreichbar bleiben.
Du kannst Grenzen setzen.
Du kannst eingreifen, wenn Verhalten gefährlich oder verletzend wird.
Und manchmal kannst du einfach bei einem Gefühl bleiben, ohne es sofort verändern zu müssen.
Das ist nicht Gleichgültigkeit.
Es ist auch kein „Dann soll es eben schreien“.
Es ist die Anerkennung:
Mein Kind darf gerade ein Gefühl haben, das für uns beide unangenehm ist.
Und du darfst dabei trotzdem bei dir bleiben
Begleitung bedeutet nicht, dich selbst aufzugeben.
Wenn dein Kind wütend ist, musst du nicht jede Beschimpfung kommentarlos hinnehmen.
Du musst keine endlose Diskussion führen.
Du darfst Grenzen setzen.
Und du darfst merken, wenn deine eigene Anspannung steigt.
Vielleicht liegt genau darin eine der schwierigsten Aufgaben im Familienalltag:
Nicht jedes Gefühl sofort wegmachen zu müssen.
Nicht das Gefühl deines Kindes.
Und auch nicht dein eigenes.
Sondern einen Moment lang wahrzunehmen:
Mein Kind ist gerade wütend.
Ich merke, dass das auch etwas mit mir macht.
Und trotzdem muss ich nicht automatisch reagieren.
Manchmal ist genau das schon sehr viel.
Über Mamakraftfamily
Mamakraftfamily unterstützt Mütter dabei, ihre eigenen Stressreaktionen besser zu verstehen, früher wahrzunehmen und im Familienalltag bewusster zu handeln – statt immer wieder in automatische Reaktionen zu rutschen.
Martina · Psychologische Beraterin & Expertin für emotionale Selbstregulation im Familienalltag
Die Inhalte von Mamakraftfamily dienen der psychoedukativen Information, Prävention und Selbstreflexion. Sie ersetzen keine individuelle medizinische, psychotherapeutische oder psychiatrische Diagnostik oder Behandlung.

