Es gibt wahrscheinlich wenige Gefühle, für die Mütter sich so schnell verurteilen wie für Wut auf das eigene Kind.
Du liebst dein Kind.
Und gleichzeitig gibt es Momente, in denen du so wütend bist, dass du am liebsten schreien würdest.
Oder du schreist tatsächlich.
Vielleicht erschrickst du hinterher selbst darüber, wie heftig deine Reaktion war.
Und dann kommt neben der Wut noch etwas Zweites dazu:
Schuld.
„Wie kann ich auf mein eigenes Kind so wütend sein?“
Vielleicht ist aber schon diese Frage nicht besonders hilfreich.
Denn Wut gehört zu unserem emotionalen Erleben.
Die wichtigere Frage lautet:
Was passiert, wenn die Wut kommt – und was machen wir mit ihr?
Wut taucht selten aus dem Nichts auf
Stell dir vor, du kochst gerade.
Dein Kind möchte etwas von dir.
Du sagst: „Einen Moment.“
Es fragt wieder.
Du versuchst gleichzeitig, das Essen nicht anbrennen zu lassen.
Dann kippt ein Glas um.
Das zweite Kind ruft aus dem anderen Zimmer.
Und jetzt beginnt dein Kind neben dir zu jammern, weil es sofort etwas haben möchte.
Vielleicht explodierst du wegen eines Satzes, der für sich genommen überhaupt nicht dramatisch war.
Von außen sieht es dann aus, als hätte dieser eine Satz deine Wut ausgelöst.
Aber innerlich war wahrscheinlich längst mehr los.
Wut hat häufig eine Vorgeschichte.
Erschöpfung.
Überforderung.
Zeitdruck.
Lärm.
Das Gefühl, für alles zuständig zu sein.
Eine Grenze, über die du selbst schon länger hinweggegangen bist.
Oder schlicht die Tatsache, dass dein System gerade sehr wenig Kapazität hat.
Wut ist nicht dasselbe wie aggressives Verhalten
Diese Unterscheidung ist wichtig.
Du kannst sehr wütend sein und trotzdem Verantwortung dafür übernehmen, wie du handelst.
Und du kannst versuchen, Wut zu unterdrücken, bis sie sich irgendwann doch mit voller Kraft Bahn bricht.
Das Ziel ist deshalb nicht:
„Ich darf auf mein Kind nicht wütend sein.“
Wut kann sogar wichtige Informationen enthalten.
Vielleicht ist dir etwas zu viel.
Vielleicht wird eine Grenze überschritten.
Vielleicht brauchst du Unterstützung.
Vielleicht hast du zu lange versucht, noch freundlich weiterzumachen, obwohl du innerlich längst bei „Nein“ warst.
Das alles macht Wut nicht automatisch angenehm.
Aber es macht sie verständlicher.
Häufig wird es vor der Explosion immer enger
Wenn Wut steigt, verändert sich oft unser Denken.
Plötzlich geht es nicht mehr nur um die konkrete Situation.
Aus:
„Mein Kind räumt gerade nicht auf.“
wird:
„Es hört einfach nie.“
Aus:
„Wir diskutieren gerade über diese eine Grenze.“
wird:
„Bei uns muss immer alles ein Kampf sein.“
Aus:
„Ich bin erschöpft.“
wird vielleicht:
„Hier denkt überhaupt niemand an mich.“
Je höher die Anspannung, desto schwieriger kann es werden, noch mehrere Seiten einer Situation gleichzeitig zu sehen.
Unser Blick wird enger.
Und damit wird häufig auch unser Verhalten schneller und automatischer.
Die Stimme wird lauter.
Die Worte härter.
Wir wollen die Situation kontrollieren oder sofort beenden.
Der entscheidende Moment liegt häufig vor dem Ausraster
Wenn du deine Wut erst bemerkst, wenn du bereits schreist, gibt es kaum noch Abstand zwischen Gefühl und Handlung.
Deshalb lohnt es sich, deine ganz persönlichen früheren Signale kennenzulernen.
Vielleicht spürst du Hitze.
Vielleicht spannst du deinen Kiefer an.
Vielleicht ballst du die Hände.
Vielleicht wirst du innerlich hektisch.
Vielleicht fängst du an, sehr schnell zu sprechen.
Oder du kennst einen bestimmten Gedanken:
„Jetzt ist Schluss.“
Es geht nicht darum, jedes körperliche Signal ständig zu überwachen.
Es geht darum, dich mit der Zeit besser kennenzulernen.
Vielleicht hast du deine Grenze schon vorher übergangen
Manchmal richten wir die ganze Aufmerksamkeit auf das Kind:
Warum hört es nicht?
Warum diskutiert es?
Warum muss ich alles fünfmal sagen?
Dabei kann eine weitere Frage interessant sein:
Wann habe ich selbst eigentlich gemerkt, dass mir etwas zu viel wird?
Vielleicht schon viel früher.
Vielleicht wolltest du eigentlich eine Pause, hast aber noch schnell drei Dinge erledigt.
Vielleicht wolltest du Nein sagen und hast doch Ja gesagt.
Vielleicht warst du längst erschöpft und hast von dir erwartet, noch zwei Stunden geduldig weiterzumachen.
Das bedeutet nicht, dass jede Wut durch bessere Selbstfürsorge verschwindet.
Aber manchmal explodieren wir nicht deshalb so plötzlich, weil wir keine Grenze haben.
Sondern weil wir sie sehr lange nicht ernst genommen haben.
Was machst du mit deiner Wut?
Du musst deine Wut nicht mögen.
Du musst sie auch nicht sofort „wegregulieren“.
Der erste Schritt kann viel kleiner sein:
Sie überhaupt bemerken.
„Ich werde gerade richtig wütend.“
Das klingt banal.
Aber damit entsteht ein Unterschied zwischen:
Ich bin mitten in meiner Wut und handle automatisch
und
Ich bemerke, dass gerade starke Wut in mir aufsteigt.
Manchmal reicht dieser Unterschied noch nicht, um perfekt zu reagieren.
Aber genau dort kann Handlungsspielraum beginnen.
Vielleicht gehst du einen Schritt zurück.
Vielleicht sprichst du weniger.
Vielleicht setzt du eine Grenze früher.
Vielleicht unterbrichst du eine Diskussion.
Vielleicht merkst du auch:
Ich kann das gerade nicht vernünftig klären. Wir sprechen später darüber.
Und wenn du doch explodiert bist?
Dann geht es nicht darum, deine Reaktion schönzureden.
Wenn du dein Kind angeschrien oder mit Worten verletzt hast, kannst du dafür Verantwortung übernehmen.
Aber du kannst gleichzeitig versuchen zu verstehen, wie du dort hingekommen bist.
Nicht als Entschuldigung.
Sondern damit sich beim nächsten Mal vielleicht etwas früher verändern kann.
Die Frage ist dann nicht nur:
„Warum habe ich mich nicht beherrscht?“
Sondern:
„Was habe ich vorher nicht mitbekommen?“
Wut auf dein Kind macht dich nicht automatisch zu der Mutter, die du niemals sein wolltest.
Entscheidend ist, wie du lernst, mit deiner Wut umzugehen.
Denn emotionale Selbstregulation bedeutet nicht, keine starken Gefühle zu haben.
Sie bedeutet, zwischen einem starken Gefühl und deiner Handlung zunehmend wieder einen Unterschied machen zu können.
Über Mamakraftfamily
Mamakraftfamily unterstützt Mütter dabei, ihre eigenen Stressreaktionen besser zu verstehen, früher wahrzunehmen und im Familienalltag bewusster zu handeln – statt immer wieder in automatische Reaktionen zu rutschen.
Martina · Psychologische Beraterin & Expertin für emotionale Selbstregulation im Familienalltag
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